Tagebuch einer Gründung

Wir müssten
noch …

Wie aus einer Idee langsam One Voice wird. Ein fortlaufendes Protokoll über Menschen, Singen, Zweifel, Arbeit und die erstaunliche Menge an Dingen, die man noch erledigen müsste.
01
12. August 2025
One Voice
Tag 1

Mein Standort

Ich gründe One Voice aus einem Mangel heraus.

Das klingt für eine Unternehmensgründung nicht besonders beeindruckend.

Man hätte lieber eine Marktanalyse. Eine Zielgruppe. Einen Satz mit „skalierbar“.

Ich habe Einsamkeit.

Nicht die große Einsamkeit mit Regen am Fenster und einem Menschen, der bedeutungsvoll in eine Tasse schaut.

Die gewöhnliche.

Die, bei der man durchaus Menschen kennt. Nachrichten bekommt. Termine hat. Arbeitet. Funktioniert. Und trotzdem an einem Dienstagabend in der Küche steht und merkt: Ich könnte jetzt irgendwo dazugehören. Ich weiß nur nicht, wo.

Ich möchte singen.

Nicht schön.

Das wäre bereits eine unnötige Zugangsvoraussetzung.

Ich möchte mit anderen Menschen in einem Raum stehen, Luft holen und denselben Ton versuchen.

Mehr nicht.

Also tue ich das, was Menschen heute tun, wenn sie etwas nicht wissen.

Ich nehme mein Handy.

Ich suche.

Chor in meiner Nähe.

Singen heute.

Mitsingen Köln.

Offener Chor.

Chor ohne Vorsingen.

Chor für Menschen, die seit ungefähr 1987 nicht mehr wissen, ob sie Alt oder Sopran sind.

Das Internet antwortet mit großer Zuversicht und erstaunlich wenig Hilfe.

Ich finde Webseiten aus dem Jahr 2014. Einen Chor, dessen letzte Probe während der Pandemie stattgefunden hat. PDF-Dateien. Facebookseiten. Veranstaltungskalender. Telefonnummern. Hinweise auf Konzerte, die vorgestern waren.

Irgendwo da draußen wird gesungen.

Sehr viel sogar.

Ich kann es nur nicht sehen.

Das irritiert mich.

Mein Handy weiß, wo ich bin.

Es weiß, welches Restaurant 230 Meter entfernt geöffnet hat. Es kann mir einen E-Scooter zeigen, einen Zahnarzt, drei Ladestationen und jemanden, der mir innerhalb von zwölf Minuten gebratene Nudeln bringt.

Aber wenn ich frage:

Wo kann ich jetzt mit anderen Menschen singen?

wird es plötzlich philosophisch.

Und genau da beginnt One Voice.

Nicht mit einer App.

Mit einer Frage.

Warum kann ich meinen Standort bestimmen und nicht sehen, wo um mich herum Menschen gemeinsam singen?

Ich stelle mir eine Karte vor.

Ein Punkt bin ich.

Um mich herum erscheinen andere Punkte.

Ein Chor probt am Donnerstag.

Dort gibt es einen Mitsingabend.

Hier werden noch Männerstimmen gesucht.

Da darf jeder kommen.

Dort findet am Wochenende ein Konzert statt.

Ich muss die Menschen nicht kennen.

Ich muss nur wissen, dass sie da sind.

Das ist ein erstaunlich großer Unterschied.

Einsamkeit bedeutet nicht immer, dass niemand da ist. Manchmal fehlen nur die Koordinaten.

Ich schreibe den ersten Satz auf.

Dann den zweiten.

Irgendwann stehen auf meinem Zettel Wörter wie

Standort,
Chor,
Veranstaltung,
Profil,
Suche,
Radius.

Es sieht bereits angenehm nach Arbeit aus.

Das mag ich.

Ich müsste noch herausfinden, ob es so etwas längst gibt.

Wir müssten noch mit Chören sprechen.

Wir müssten noch klären, wer „wir“ ist.

Wir müssten noch eine App bauen.

Wir müssten noch ungefähr alles.

Aber auf dem Bildschirm sehe ich schon diesen kleinen Punkt.

Mein Standort.

Und darum herum Menschen.

Ich weiß an diesem ersten Tag noch nicht, wie One Voice einmal aussehen wird.

Ich weiß nur, was es tun soll.

Es soll aus

Irgendwo wird gesungen

ein

Da. Geh hin.

machen.

Eigentlich ist das alles.

One Voice Mitsingen Singen Chor finden

Ich sitze vor meinem Rechner.

One Voice.

Meine Karte.

Noch ist sie fast leer.

Ich setze Punkte darauf.

Hier.

Hier.

Hier.

Ich nenne das Gründen.

Ich nenne es Vernetzung.

Ich rede von Sichtbarkeit, Chören, Begegnung und davon, wie Menschen einander leichter finden können.

Alles richtig.

Nur nicht alles.

Denn während ich eine App baue, die einem Menschen sagen soll:

Du bist hier.

Und dort sind die anderen.

beginnt etwas in mir zu zählen.

Wieder.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier

Fünf

02
13. August 2025
One Voice
Tag 2

Über die Einsamkeit

Man verlässt die eigene Einsamkeit erstaunlich zuverlässig, sobald einem etwas nicht mehr egal ist.

Einsamkeit wird meistens als Mangel beschrieben. Da fehlt jemand. Eine Hand, eine Stimme, ein Mensch am anderen Ende des Tisches, der bemerkt, dass man heute stiller ist als sonst.

Das ist die offensichtliche Form der Einsamkeit.

Es gibt aber noch eine andere.

Sie entsteht nicht dadurch, dass niemand da ist, sondern dadurch, dass nichts mehr nach einem greift. Man kann unter Menschen einsam sein, beschäftigt, erfolgreich, geliebt. Man kann Nachrichten beantworten, einkaufen, arbeiten, Rechnungen überweisen und dabei langsam in einem Zustand verschwinden, in dem die Welt zwar noch stattfindet, aber keine wirkliche Forderung mehr an einen stellt.

Psychologisch ist das ein entscheidender Unterschied. Denn der Mensch braucht nicht nur Beziehung. Er braucht Bedeutsamkeit. Etwas muss einen Unterschied machen.

Ob ich komme.

Ob ich anrufe.

Ob ich gieße.

Ob ich widerspreche.

Ob ich bleibe.

Ob ich mich kümmere.

In dem Moment, in dem mir etwas nicht mehr egal ist, entsteht eine Verbindung zwischen mir und der Welt. Und diese Verbindung kann erstaunlich klein sein.

Eine Pflanze reicht.

Ein Chor.

Ein Hund, der um sieben Uhr vor dem Bett steht und keinerlei Interesse an meiner existenziellen Verfassung zeigt, weil er pinkeln muss.

Das ist möglicherweise eine der unterschätzten Eigenschaften von Verantwortung: Sie ist ein Gegengift gegen die vollständige Beschäftigung mit sich selbst. Nicht immer angenehm. Aber wirksam. Wer sich um etwas kümmert, wird aus dem eigenen Inneren herausgerufen.

Philosophisch steckt darin ein alter Gedanke. Martin Buber unterscheidet zwischen einer Welt des Ich–Es und einer Welt des Ich–Du. Im Ich–Es begegnet mir die Welt als Gegenstand: nützlich, störend, interessant, langweilig. Im Ich–Du geschieht etwas anderes. Ich trete in Beziehung.

Das Entscheidende ist dabei nicht einmal, ob das Gegenüber ein Mensch ist. Entscheidend ist die Bewegung. Ich höre auf, Mittelpunkt meiner Wahrnehmung zu sein. Da ist plötzlich etwas anderes. Und es zählt.

Einsamkeit erzeugt häufig die entgegengesetzte Bewegung. Sie verengt den Blick. Nicht aus Egoismus, sondern aus Schmerz. Wer Zahnschmerzen hat, entwickelt vorübergehend auch kein ausgeprägtes Interesse an der Weltlage.

Der Körper zieht die Aufmerksamkeit zuverlässig an die Stelle, an der es weh tut. Psychischer Schmerz kann dasselbe. Man beobachtet sich.

Warum schreibt niemand?

Warum fehlt mir dieser Mensch?

Warum bin ich nicht gemeint?

Warum fühle ich mich so?

Wann hört das auf?

Das Ich wird zum Zimmer ohne Fenster, in dem man ständig die Möbel umstellt. Man kann darin sehr kluge Gedanken haben. Es bleibt trotzdem dasselbe Zimmer. Etwas, das einem nicht egal ist, schlägt ein Fenster hinein. Denn Sorge hat eine Richtung. Sie führt von mir weg. Das deutsche Wort Sorge ist dabei schöner, als sein Ruf vermuten lässt. Sorge bedeutet nicht nur Angst. Sich sorgen heißt auch: sich kümmern. Aufmerksamkeit schenken. Verantwortung übernehmen. Etwas in den eigenen Wahrnehmungsraum aufnehmen und sagen: Dein Zustand betrifft mich. Genau dort beginnt Verbundenheit. Nicht erst bei Liebe. Liebe ist nur ihre spektakulärste Form.

Deshalb überschätzen wir romantische Beziehungen als Heilmittel gegen Einsamkeit.

Natürlich kann ein anderer Mensch uns erreichen. Aber wenn wir von einem einzelnen Menschen verlangen, uns dauerhaft aus unserer Einsamkeit herauszuholen, übertragen wir ihm eine Aufgabe, die größer ist als jede Beziehung. Dann soll er nicht nur geliebt werden. Er soll uns die Welt ersetzen. Das hält kaum jemand aus.

Interessanter ist die umgekehrte Bewegung: nicht zu fragen: Wer interessiert sich für mich? sondern irgendwann wieder festzustellen: Mich interessiert etwas.

Das klingt beinahe lächerlich klein. Ist es aber nicht. Denn Interesse ist bereits Beziehung. Das Wort kommt vom lateinischen interesse: dazwischen sein. Dabei sein. Wer sich interessiert, ist nicht mehr vollständig abgeschlossen. Da ist etwas zwischen mir und der Welt. Ein dünner Faden zunächst. Ich möchte wissen, wie es weitergeht.

Mit diesem Menschen.

Mit diesem Baum.

Mit diesem Projekt.

Mit diesem politischen Zustand.

Mit diesem Satz.

Mit einem Chor, der noch einen Tenor braucht und offenbar bereit ist, daran die Zukunft der abendländischen Kultur festzumachen. Plötzlich gibt es ein Morgen. Das ist der entscheidende Punkt.

Einsamkeit verändert nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit. Sie kann Gegenwart endlos machen. Ein einsamer Abend besitzt gelegentlich die erstaunliche Fähigkeit, ungefähr dreieinhalb Wochen zu dauern. Bedeutsamkeit dagegen erzeugt Zukunft. Ich muss morgen noch einmal nachsehen. Ich möchte wissen, ob es funktioniert.

Jemand wartet auf meine Antwort.

Die Pflanze braucht Wasser.

Der Text ist noch nicht fertig.

Wir haben am Donnerstag Probe.

Das sind keine großen philosophischen Offenbarungen. Es sind kleine Verpflichtungen an die Zukunft. Und genau deshalb können sie einen Menschen halten. Sinn ist kein angenehmes Gefühl, das man in sich selbst finden muss. Sinn liegt in der Ausrichtung auf etwas außerhalb des eigenen Ichs:

eine Aufgabe.

Einen Menschen.

Etwas, das getan oder beantwortet werden will.

Das bedeutet nicht, dass Engagement Einsamkeit einfach beseitigt. Man kann sich auch in Aufgaben flüchten. Man kann für alle anderen da sein, um sich selbst nicht begegnen zu müssen. Man kann helfen, organisieren, retten und kümmern, bis Fürsorge nur noch eine gesellschaftlich hoch angesehene Form der Selbstvermeidung ist.

Auch das gibt es.

Der Unterschied liegt darin, ob ich mich durch mein Engagement betäube oder verbinde. Betäubung macht mich unempfindlicher. Verbindung macht mich empfindlicher. Das ist leider der Preis.

Sobald mir etwas nicht mehr egal ist, kann es mich verletzen.

Wer liebt, kann verlieren.

Wer sich engagiert, kann enttäuscht werden.

Wer einen Baum pflanzt, kann ihn vertrocknen sehen.

Wer Menschen vertraut, kann feststellen, dass Menschen gelegentlich erstaunlich begabte Idioten sind.

Gleichgültigkeit ist deshalb durchaus attraktiv. Sie ist eine Schutztechnik. Was mir egal ist, kann mich kaum enttäuschen. Nur lässt sich auf diese Weise zwar Schmerz reduzieren, aber eben auch Leben. Denn Lebendigkeit und Verletzlichkeit benutzen dieselbe Tür. Man kann nicht nur eine von beiden hereinlassen.

Darum ist der Satz “Mir ist das nicht egal” viel größer, als er klingt.

Er bedeutet:

Ich lasse zu, dass etwas außerhalb meiner selbst Einfluss auf mich bekommt.

Ich erkenne an, dass ich nicht abgeschlossen bin.

Ich bin berührbar.

Und damit beginnt das Gegenteil von Einsamkeit nicht unbedingt mit Gesellschaft.

Es beginnt mit Anteilnahme.

Ein Mensch kann allein an einem Tisch sitzen und tief verbunden sein, weil ihm jemand, etwas, die Welt nicht egal ist. Und ein anderer kann mitten unter hundert Menschen stehen und vollkommen einsam bleiben, weil ihn nichts mehr erreicht.

Die überraschende Wahrheit über Einsamkeit ist: Wir verlassen sie nicht ausschließlich dadurch, dass jemand zu uns kommt. Wir verlassen sie, indem wir selbst irgendwohin gehen.

Zu einem Menschen.

Zu einer Aufgabe.

Zu einer Pflanze.

Zu einer Idee.

Zu etwas, dessen Wohlergehen plötzlich einen kleinen Platz in unserem eigenen Leben beansprucht.

Und auf einmal ist da dieses unscheinbare Wort:

wichtig.

Etwas ist wichtig.

Nicht alles.

Das wäre Überforderung.

Etwas reicht.

Denn sobald einem etwas nicht mehr egal ist, steht man nicht mehr ganz allein in der Welt.

Man steht bereits in Beziehung zu ihr.

03
14. August 2025
One Voice
Tag 3

Wer bin ich, wenn ich nichts tue?

Menschen fragen sich irgendwann:

Wer bin ich, wenn ich meine Arbeit nicht mehr mache?

Der Feuerwehrmann fragt sich, wer er ist, wenn er kein Feuer mehr löscht.

Die Frau am Postschalter, wenn sie keine Briefmarken mehr verkauft.

Die Schauspielerin, wenn sie nicht spielt.

Der Fischer, wenn er keinen Fisch mehr fängt.

Ich vermutlich, wenn ich nichts mehr produziere.

Wir erzählen uns über Tätigkeiten.

Ich bin Produzentin.

Ich bin Schauspielerin.

Ich bin Ärztin.

Ich bin Mutter.

Ich bin Chorleiter.

Ich bin dies.

Ich mache das.

Das Verb hält das Ich erstaunlich zuverlässig zusammen.

Schwieriger wird es, wenn das Verb wegfällt.

Dann bleibt:

Ich bin.

Ein grammatikalisch vollständiger Satz, mit dem erstaunlich wenige Menschen etwas anfangen können. Als Produzentin arbeite ich einmal bei Wetten, dass..?. >Zu Gast ist Jennifer Aniston.

Sie kommt mit ihrer Managerin, wird in ihre Garderobe geführt und bereitet sich dort auf die Show vor. Irgendwann gehe ich zu ihr.

Sie sitzt vor dem Schminkspiegel und betrachtet ihr Gesicht.

Ich sage:

„Hallo.“

Sie sagt:

„Hallo.“

Dann sagen wir beide ungefähr fünf Minuten nichts mehr. Jennifer Aniston schaut in den Spiegel. Ich weiß bis heute nicht, was sie dort sieht. Ich weiß nur, dass ich neben einem Menschen sitze, dessen Gesicht Millionen Menschen kennen, während sie selbst gerade einfach nur dieses Gesicht betrachtet. Keine Visagistin wuselt um sie herum. Kein Gespräch über die Sendung. >Kein Handy. Kein Small Talk. Keine berühmte Schauspielerin, die gerade besonders berühmte Dinge tut. Ein Mensch sitzt vor einem Spiegel und schaut. Mehr nicht.

Das auszuhalten ist schwieriger, als man glaubt. Vor allem für eine Produzentin. Produzentinnen sind beruflich dafür zuständig, dass etwas passiert. Fünf Minuten, in denen nichts passiert, gelten normalerweise als technische Störung.

Kurz vor der Show kommt Thomas Gottschalk zu ihr.

Er hat damals einen Standardsatz für internationale Gäste.

Sinngemäß sagt er:

„Guten Tag. Sie kennen mich nicht. Mein Name ist Thomas Gottschalk, ich bin der Moderator dieser Show. Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Abend. Und wenn ich mir etwas wünschen darf, dann dies: Wenn wir uns irgendwann irgendwo wiederbegegnen, würde ich mich freuen, wenn Sie mich erkennen. Mein Name ist Thomas Gottschalk.“

Ich mag diesen Moment im Rückblick sehr. Da sitzen zwei der bekanntesten Menschen ihrer jeweiligen Fernsehwelt in einer Garderobe, und plötzlich geht es um etwas sehr Einfaches.

Erkennst du mich?

Weißt du, wer ich bin?

Werde ich für dich noch existieren, wenn dieser Abend vorbei ist?

Ich sitze immer noch bei Jennifer Aniston. Sie schaut weiter in den Spiegel. Irgendwann halte ich das Schweigen nicht mehr aus. Ich stehe auf und frage, ob sie noch etwas braucht. Ob ich etwas für sie tun kann. Ob es für die Show noch etwas zu besprechen gibt. Sie schaut mich im Spiegel an.

„Danke.“

Ich sage ebenfalls:

„Danke.“

Und gehe.

Ich denke noch lange an diese Minuten. An einen Moderator, der darum bittet, erinnert zu werden. An eine Schauspielerin, die schweigend ihr eigenes Gesicht betrachtet. Und an mich, die offenbar sofort etwas tun muss, sobald ein Mensch einfach nur da ist.

Wir stellen die Frage „Wer bin ich?“ viel häufiger, als wir glauben.

Wir verkleiden sie nur besser.

Als Beruf.

Als Erfolg.

Als Bekanntheit.

Als Funktion.

Als Bitte, erkannt zu werden.

Wir sind darauf erstaunlich schlecht vorbereitet, einfach nur zu sein.

Schon Kindern stellen wir ziemlich früh die Frage: Was willst du einmal werden? Als wären sie im Augenblick noch nichts. Später fragen wir: Was machst du? Und meinen damit: Wer bist du?

Es ist eine praktische Abkürzung. Nur wird sie irgendwann gefährlich. Denn Dinge verschwinden.

Berufe.

Aufgaben.

Funktionen.

Gesundheit.

Erfolg.

Menschen, für die wir gesorgt haben.

Plötzlich kann jemand nicht mehr arbeiten.

Nicht mehr pflegen.

Nicht mehr auftreten.

Nicht mehr organisieren.

Nicht mehr erinnern, was gestern war.

Und dann wird aus einer scheinbar philosophischen Frage eine sehr konkrete:

Wer bin ich noch? Genau darin liegt eine der großen Zumutungen des Menschseins:

Dass unser Wert bleiben muss, wenn unsere Funktion verschwindet.

Ein Mensch ist mehr als das, was er für andere erledigt.

Mehr als seine Produktivität.

Mehr als seine Rolle.

Mehr als sein Nutzen.

Das klingt selbstverständlich.

Unser Alltag verhält sich allerdings häufig anders.

Wir bewundern Menschen für das, was sie können.

Wir bezahlen sie für das, was sie leisten.

Wir laden sie ein, weil sie interessant sind.

Wir brauchen sie, weil sie etwas tun.

Und dann gibt es diese gefährliche kleine Lücke: Was ist mit einem Menschen, der gerade nichts kann? Was ist mit einem Menschen, der nur da ist? Genau deshalb bleibt mir diese Garderobe im Kopf.

Nicht wegen Jennifer Aniston. Noch weniger wegen Thomas Gottschalk. Sondern wegen dieser merkwürdigen Verdichtung.

Der eine sagt: Bitte erinnere dich an mich. Die andere schaut in den Spiegel. Und ich sitze daneben und suche bereits nach einer Aufgabe.

Drei verschiedene Arten, mit derselben Frage umzugehen.

Bin ich da?

Bin ich gemeint?

Bleibe ich?

Genau deshalb berührt mich gemeinsames Singen so sehr. Auch im Chor tun wir natürlich etwas.>Wir singen. Aber für einen Moment fällt die gewöhnliche Hierarchie unserer Tätigkeiten weg. Es interessiert keinen, ob der Mann neben mir gestern einen Konzern geleitet oder Briefmarken verkauft hat. Es interessiert keinen, welchen Titel die Frau in der zweiten Reihe trägt. Da stehen Körper nebeneinander. Sie atmen. Sie öffnen den Mund. Sie versuchen denselben Ton. Und dann lautet die wichtigste Frage nicht mehr:

Was machst du?

Sondern:

Bist du da?

Ich glaube, wir unterschätzen, wie radikal diese Frage ist. Denn „Bist du da?“ fragt nicht nach Leistung. Nicht nach Status. Nicht nach Nutzen. Nur nach Anwesenheit.

Nach Gegenwart.

Nach einem Menschen.

Und trotzdem reicht mir das noch nicht ganz. Denn nur da zu sein ist das eine. Zu spüren, dass das eigene Dasein für andere einen Unterschied macht, ist etwas anderes.

Davon werde ich noch erzählen, und vielleicht auch von meiner Begegnung mit Nicole Kidman.

04
18. August 2025
One Voice
Tag 4

Your Song ist deins. One Voice sind alle.

Ich funktioniere über Bilder und Musik.

Deshalb beginne ich mit einem Song.

Das ist keine besonders strukturierte Vorgehensweise. Menschen, die Unternehmen gründen, machen vermutlich zuerst Dinge mit Kästchen. Zielgruppen. Prozesse. Zuständigkeiten. Vielleicht sogar Tabellen.

Ich suche einen Song und stelle mir dazu ein Logo vor.

Beides hilft mir, den Weg in mein eigenes System zu organisieren.

Mein Lied ist „Your Song“.

Ich sitze im Flugzeug nach Cannes zu einer TV-Messe und höre mich durch sämtliche Versionen, die das weltweite Netz hergibt. Das Original von Elton John bleibt unübertroffen.

Danach gefallen mir Al Jarreau und Marla Glen besonders gut.

Ich höre dieselben Worte in verschiedenen Stimmen und frage mich irgendwann, ob das überhaupt passt.

„Your Song“.

Ist das nicht viel zu persönlich?

Zu privat?

Zu sehr eine einzelne Person, die einer anderen Person etwas gibt? Genau das Gegenteil von dem, was One Voice werden soll? Sollte One Voice vielleicht „Your Song“ heißen? Oder gerade auf keinen Fall? Ich denke eine Weile darüber nach, bis ich merke, dass Denken hier nicht weiterhilft.

Also höre ich auf. Und fühle. Das Your-Song-Gefühl ist schön.

Aber es ist intensiv.

Es ist Sehnsucht.

Es ist dieses sehr private Ziehen, das entsteht, wenn ein Mensch für einen anderen plötzlich wichtiger wird, als vernünftig wäre.

Das ist nicht das Gefühl, das ich für One Voice suche.

One Voice soll nicht die große Sehnsucht nach einem einzelnen Menschen sein.

Es soll dieses andere Gefühl sein.

Wenn Menschen sich ehrlich freuen, einander zu sehen.

Wenn sie offen werden.

Wenn niemand wichtiger sein muss als der andere.

Wenn aus einzelnen Stimmen für einen Moment etwas Gemeinsames entsteht, ohne dass jemand darin verschwindet.

Das Flugzeug geitet durch die Wolken. >Ich nutze solche Momente oft. >Oben sein. Nicht mit der Erde verbunden.

Für eine Weile gibt es keine Straße, keinen Schreibtisch, keine Aufgabe, die einen körperlich irgendwo festhält.

Nur diesen merkwürdigen Zustand zwischen zwei Orten.

Es gibt kaum eine einfachere Möglichkeit, die Intensität der eigenen Wahrnehmung zu spüren, als wenn unter einem plötzlich ein paar Kilometer Luft liegen.

Wäre ich reich, würde ich Meditationscamps auf Langstreckenflügen anbieten. Business Class natürlich. Man muss dem Irrsinn schließlich eine wirtschaftliche Perspektive geben. Aber ich bin nicht reich.

Und außerdem widerspricht mir die Vorstellung schon beim Denken.

Denn das, was ich mit One Voice suche, ist das Gegenteil davon. Keine exklusive Flughöhe. Keine Menschen, die weiter oben sitzen als andere. Ich glaube an Atmosphäre. An gemeinsam verbrachte Zeit.

An diese wenigen Momente, in denen Status erstaunlich schnell unwichtig wird, sobald Menschen sich wirklich begegnen. Wir sind nicht alle gleich.Aber wir können uns für einen Moment gleichwertig begegnen. Genau das ist Gemeinschaft.Nicht höher und weiter fliegen. Sondern irgendwann wieder landen.

Ich frage meine Freundin, die neben mir schläft, während ich durch meine Welten fliege.

„One Voice oder Your Song?“

Sie antwortet sofort:„One Voice natürlich. Your Song ist deins. One Voice sind alle.“

Ach ja.Klar. So einfach ist das.

Ich hätte sie eigentlich schon vor dem Start fragen können.

Dann wäre mir allerdings die Reise durch zwanzig Versionen eines Songs entgangen.Und die war schön.

Man muss offenbar nicht jede Schleife vermeiden, nur weil am Ende jemand anderes den geraden Satz dafür kennt.

Das Flugzeug setzt auf.>Ich bin erfrischt.Und entschieden.

One Voice.

Also weiter.