Tagebuch einer Gründung

Wir müssten
noch …

Wie aus einer Idee langsam One Voice wird. Ein fortlaufendes Protokoll über Menschen, Singen, Zweifel, Arbeit und die erstaunliche Menge an Dingen, die man noch erledigen müsste.
01
12. August 2025
One Voice
Tag 1

Mein Standort

Ich gründe One Voice aus einem Mangel heraus.

Das klingt für eine Unternehmensgründung nicht besonders beeindruckend.

Man hätte lieber eine Marktanalyse. Eine Zielgruppe. Einen Satz mit „skalierbar“.

Ich habe Einsamkeit.

Nicht die große Einsamkeit mit Regen am Fenster und einem Menschen, der bedeutungsvoll in eine Tasse schaut.

Die gewöhnliche.

Die, bei der man durchaus Menschen kennt. Nachrichten bekommt. Termine hat. Arbeitet. Funktioniert. Und trotzdem an einem Dienstagabend in der Küche steht und merkt: Ich könnte jetzt irgendwo dazugehören. Ich weiß nur nicht, wo.

Ich möchte singen. Nicht schön. Das wäre bereits eine unnötige Zugangsvoraussetzung. Ich möchte mit anderen Menschen in einem Raum stehen, Luft holen und denselben Ton versuchen. Mehr nicht. Also tue ich das, was Menschen heute tun, wenn sie etwas nicht wissen. Ich nehme mein Handy. Ich suche. Chor in meiner Nähe. Singen heute. Mitsingen Köln. Offener Chor. Chor ohne Vorsingen. Chor für Menschen, die seit ungefähr 1987 nicht mehr wissen, ob sie Alt oder Sopran sind.

Das Internet antwortet mit großer Zuversicht und erstaunlich wenig Hilfe. Ich finde Webseiten aus dem Jahr 2014. Einen Chor, dessen letzte Probe während der Pandemie stattgefunden hat. PDF-Dateien. Facebookseiten. Veranstaltungskalender. Telefonnummern. Hinweise auf Konzerte, die vorgestern waren.

Irgendwo da draußen wird gesungen. Sehr viel sogar. Ich kann es nur nicht sehen. Das irritiert mich. Mein Handy weiß, wo ich bin. Es weiß, welches Restaurant 230 Meter entfernt geöffnet hat. Es kann mir einen E-Scooter zeigen, einen Zahnarzt, drei Ladestationen und jemanden, der mir innerhalb von zwölf Minuten gebratene Nudeln bringt.

Aber wenn ich frage: Wo kann ich jetzt mit anderen Menschen singen? wird es plötzlich philosophisch. Und genau da beginnt One Voice.

Mit einer Frage. Warum kann ich meinen Standort bestimmen und nicht sehen, wo um mich herum Menschen gemeinsam singen?

Ich stelle mir eine Karte vor. Ein Punkt bin ich. Um mich herum erscheinen andere Punkte. Ein Chor probt am Donnerstag. Dort gibt es einen Mitsingabend. Hier werden noch Männerstimmen gesucht. Da darf jeder kommen. Dort findet am Wochenende ein Konzert statt.

Ich muss die Menschen nicht kennen. Ich muss nur wissen, dass sie da sind. Das ist ein erstaunlich großer Unterschied.

Einsamkeit bedeutet nicht immer, dass niemand da ist. Manchmal fehlen nur die Koordinaten.

Ich schreibe den ersten Satz auf.

Dann den zweiten.

Irgendwann stehen auf meinem Zettel Wörter wie

Standort, Chor, Veranstaltung, Profil, Suche, Radius.

Es sieht bereits angenehm nach Arbeit aus. Das mag ich. Ich müsste noch herausfinden, ob es so etwas längst gibt. Wir müssten noch mit Chören sprechen. Wir müssten noch klären, wer „wir“ ist. Wir müssten noch eine App bauen. Wir müssten noch ungefähr alles.

Aber auf dem Bildschirm sehe ich schon diesen kleinen Punkt. Mein Standort. Und darum herum Menschen.

Ich weiß an diesem ersten Tag noch nicht, wie One Voice einmal aussehen wird. Ich weiß nur, was es tun soll. Es soll aus Irgendwo wird gesungen ein Da. Geh hin. machen.

Eigentlich ist das alles.

Ich sitze vor meinem Rechner. One Voice. Meine Karte.

Noch ist sie fast leer.

Ich setze Punkte darauf.

Hier.

Hier.

Hier.

Ich nenne das Gründen. Ich nenne es Vernetzung. Ich rede von Sichtbarkeit, Chören, Begegnung und davon, wie Menschen einander leichter finden können. Alles richtig. Nur nicht alles. Denn während ich eine App baue, die einem Menschen sagen soll: Du bist hier. Und dort sind die anderen. beginnt etwas in mir zu zählen.

Wieder.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier

Fünf

02
13. August 2025
One Voice
Tag 2

Über die Einsamkeit

Man verlässt die eigene Einsamkeit erstaunlich zuverlässig, sobald einem etwas nicht mehr egal ist.

Einsamkeit wird meistens als Mangel beschrieben. Da fehlt jemand. Eine Hand, eine Stimme, ein Mensch am anderen Ende des Tisches, der bemerkt, dass man heute stiller ist als sonst.

Das ist die offensichtliche Form der Einsamkeit.

Es gibt aber noch eine andere.

Sie entsteht nicht dadurch, dass niemand da ist, sondern dadurch, dass nichts mehr nach einem greift. Man kann unter Menschen einsam sein, beschäftigt, erfolgreich, geliebt. Man kann Nachrichten beantworten, einkaufen, arbeiten, Rechnungen überweisen und dabei langsam in einem Zustand verschwinden, in dem die Welt zwar noch stattfindet, aber keine wirkliche Forderung mehr an einen stellt.

Psychologisch ist das ein entscheidender Unterschied. Denn der Mensch braucht nicht nur Beziehung. Er braucht Bedeutsamkeit. Etwas muss einen Unterschied machen.

Ob ich komme.

Ob ich anrufe.

Ob ich gieße.

Ob ich widerspreche.

Ob ich bleibe.

Ob ich mich kümmere.

In dem Moment, in dem mir etwas nicht mehr egal ist, entsteht eine Verbindung zwischen mir und der Welt. Und diese Verbindung kann erstaunlich klein sein.

Eine Pflanze reicht.

Ein Chor.

Ein Hund, der um sieben Uhr vor dem Bett steht und keinerlei Interesse an meiner existenziellen Verfassung zeigt, weil er pinkeln muss.

Das ist möglicherweise eine der unterschätzten Eigenschaften von Verantwortung: Sie ist ein Gegengift gegen die vollständige Beschäftigung mit sich selbst. Nicht immer angenehm. Aber wirksam. Wer sich um etwas kümmert, wird aus dem eigenen Inneren herausgerufen.

Vielleicht liegt darin auch ein alter philosophischer Gedanke. Martin Buber unterscheidet zwischen einer Welt des Ich–Es und einer Welt des Ich–Du. Im Ich–Es begegnet mir die Welt als Gegenstand: nützlich, störend, interessant, langweilig. Im Ich–Du geschieht etwas anderes. Ich trete in Beziehung.

Das Entscheidende ist dabei nicht einmal, ob das Gegenüber ein Mensch ist. Entscheidend ist die Bewegung. Ich höre auf, Mittelpunkt meiner Wahrnehmung zu sein. Da ist plötzlich etwas anderes. Und es zählt.

Einsamkeit erzeugt häufig die entgegengesetzte Bewegung. Sie verengt den Blick. Nicht aus Egoismus, sondern aus Schmerz. Wer Zahnschmerzen hat, entwickelt vorübergehend auch kein ausgeprägtes Interesse an der Weltlage.

Der Körper zieht die Aufmerksamkeit zuverlässig an die Stelle, an der es weh tut. Psychischer Schmerz kann dasselbe. Man beobachtet sich.

Warum schreibt niemand?

Warum fehlt mir dieser Mensch?

Warum bin ich nicht gemeint?

Warum fühle ich mich so?

Wann hört das auf?

Das Ich wird zum Zimmer ohne Fenster, in dem man ständig die Möbel umstellt. Man kann darin sehr kluge Gedanken haben. Es bleibt trotzdem dasselbe Zimmer. Etwas, das einem nicht egal ist, schlägt ein Fenster hinein. Denn Sorge hat eine Richtung. Sie führt von mir weg. Das deutsche Wort Sorge ist dabei schöner, als sein Ruf vermuten lässt. Sorge bedeutet nicht nur Angst. Sich sorgen heißt auch: sich kümmern. Aufmerksamkeit schenken. Verantwortung übernehmen. Etwas in den eigenen Wahrnehmungsraum aufnehmen und sagen: Dein Zustand betrifft mich. Genau dort beginnt Verbundenheit. Nicht erst bei Liebe. Liebe ist nur ihre spektakulärste Form.

Deshalb überschätzen wir romantische Beziehungen als Heilmittel gegen Einsamkeit.

Natürlich kann ein anderer Mensch uns erreichen. Aber wenn wir von einem einzelnen Menschen verlangen, uns dauerhaft aus unserer Einsamkeit herauszuholen, übertragen wir ihm eine Aufgabe, die größer ist als jede Beziehung. Dann soll er nicht nur geliebt werden. Er soll uns die Welt ersetzen. Das hält kaum jemand aus.

Interessanter ist die umgekehrte Bewegung: nicht zu fragen: Wer interessiert sich für mich? sondern irgendwann wieder festzustellen: Mich interessiert etwas.

Das klingt beinahe lächerlich klein. Ist es aber nicht. Denn Interesse ist bereits Beziehung. Das Wort kommt vom lateinischen interesse: dazwischen sein. Dabei sein. Wer sich interessiert, ist nicht mehr vollständig abgeschlossen. Da ist etwas zwischen mir und der Welt. Ein dünner Faden zunächst. Ich möchte wissen, wie es weitergeht.

Mit diesem Menschen.

Mit diesem Baum.

Mit diesem Projekt.

Mit diesem politischen Zustand.

Mit diesem Satz.

Mit einem Chor, der noch einen Tenor braucht und offenbar bereit ist, daran die Zukunft der abendländischen Kultur festzumachen. Plötzlich gibt es ein Morgen. Das ist der entscheidende Punkt.

Einsamkeit verändert nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit. Sie kann Gegenwart endlos machen. Ein einsamer Abend besitzt gelegentlich die erstaunliche Fähigkeit, ungefähr dreieinhalb Wochen zu dauern. Bedeutsamkeit dagegen erzeugt Zukunft. Ich muss morgen noch einmal nachsehen. Ich möchte wissen, ob es funktioniert.

Jemand wartet auf meine Antwort. Die Pflanze braucht Wasser. Der Text ist noch nicht fertig. Wir haben am Donnerstag Probe.

Das sind keine großen philosophischen Offenbarungen. Es sind kleine Verpflichtungen an die Zukunft. Und genau deshalb können sie einen Menschen halten. Sinn ist kein angenehmes Gefühl, das man in sich selbst finden muss. Sinn liegt in der Ausrichtung auf etwas außerhalb des eigenen Ichs:

eine Aufgabe. Einen Menschen. Etwas, das getan oder beantwortet werden will.

Das bedeutet nicht, dass Engagement Einsamkeit einfach beseitigt. Man kann sich auch in Aufgaben flüchten. Man kann für alle anderen da sein, um sich selbst nicht begegnen zu müssen. Man kann helfen, organisieren, retten und kümmern, bis Fürsorge nur noch eine gesellschaftlich hoch angesehene Form der Selbstvermeidung ist.

Auch das gibt es.

Der Unterschied liegt darin, ob ich mich durch mein Engagement betäube oder verbinde. Betäubung macht mich unempfindlicher. Verbindung macht mich empfindlicher. Das ist leider der Preis.

Sobald mir etwas nicht mehr egal ist, kann es mich verletzen. Wer liebt, kann verlieren. Wer sich engagiert, kann enttäuscht werden. Wer einen Baum pflanzt, kann ihn vertrocknen sehen. Wer Menschen vertraut, kann feststellen, dass Menschen gelegentlich erstaunlich begabte Idioten sind.

Gleichgültigkeit ist deshalb durchaus attraktiv. Sie ist eine Schutztechnik. Was mir egal ist, kann mich kaum enttäuschen. Nur lässt sich auf diese Weise zwar Schmerz reduzieren, aber eben auch Leben. Denn Lebendigkeit und Verletzlichkeit benutzen dieselbe Tür. Man kann nicht nur eine von beiden hereinlassen.

Darum ist der Satz “Mir ist das nicht egal” viel größer, als er klingt.

Er bedeutet:

Ich lasse zu, dass etwas außerhalb meiner selbst Einfluss auf mich bekommt.

Ich erkenne an, dass ich nicht abgeschlossen bin.

Ich bin berührbar.

Und damit beginnt das Gegenteil von Einsamkeit nicht unbedingt mit Gesellschaft. Es beginnt mit Anteilnahme.

Ein Mensch kann allein an einem Tisch sitzen und tief verbunden sein, weil ihm jemand, etwas, die Welt nicht egal ist. Und ein anderer kann mitten unter hundert Menschen stehen und vollkommen einsam bleiben, weil ihn nichts mehr erreicht.

Die überraschende Wahrheit über Einsamkeit ist: Wir verlassen sie nicht ausschließlich dadurch, dass jemand zu uns kommt. Wir verlassen sie, indem wir selbst irgendwohin gehen.

Zu einem Menschen.

Zu einer Aufgabe.

Zu einer Pflanze.

Zu einer Idee.

Zu etwas, dessen Wohlergehen plötzlich einen kleinen Platz in unserem eigenen Leben beansprucht.

Und auf einmal ist da dieses unscheinbare Wort:

wichtig.

Etwas ist wichtig. Nicht alles. Das wäre Überforderung.

Etwas reicht.

Denn sobald einem etwas nicht mehr egal ist, steht man nicht mehr ganz allein in der Welt.

Man steht bereits in Beziehung zu ihr.

03
14. August 2025
One Voice
Tag 3

Wer bin ich, wenn ich nichts tue?

Menschen fragen sich irgendwann:

Wer bin ich, wenn ich meine Arbeit nicht mehr mache?

Der Feuerwehrmann fragt sich, wer er ist, wenn er kein Feuer mehr löscht. Die Frau am Postschalter, wenn sie keine Briefmarken mehr verkauft. Die Schauspielerin, wenn sie nicht spielt. Der Fischer, wenn er keinen Fisch mehr fängt. Ich vermutlich, wenn ich nichts mehr produziere.

Wir erzählen uns über Tätigkeiten.

Ich bin Produzentin.

Ich bin Schauspielerin.

Ich bin Ärztin.

Ich bin Mutter.

Ich bin Chorleiter.

Ich bin dies.

Ich mache das.

Das Verb hält das Ich erstaunlich zuverlässig zusammen.

Schwieriger wird es, wenn das Verb wegfällt.

Dann bleibt:

Ich bin.

Ein grammatikalisch vollständiger Satz, mit dem erstaunlich wenige Menschen etwas anfangen können. Als Produzentin arbeite ich einmal bei Wetten, dass..?. Zu Gast ist Jennifer Aniston.

Sie kommt mit ihrer Managerin, wird in ihre Garderobe geführt und bereitet sich dort auf die Show vor. Irgendwann gehe ich zu ihr.

Sie sitzt vor dem Schminkspiegel und betrachtet ihr Gesicht.

Ich sage:

„Hallo.“

Sie sagt:

„Hallo.“

Dann sagen wir beide ungefähr fünf Minuten nichts mehr. Jennifer Aniston schaut in den Spiegel. Sie bewegt sich nicht.

Das fällt mir erst nach ein paar Sekunden auf.

Sie legt den Kopf nicht schief. Sie streicht sich nicht durch die Haare. Sie zieht keine Haut glatt, prüft kein Profil, hebt nicht das Kinn. Nichts von dem kleinen menschlichen Inventar, das wir vor Spiegeln aufführen, sobald wir glauben, unbeobachtet zu sein. Ihr Gesicht ist vollkommen ruhig.

Ich warte auf etwas.

Einen Mundwinkel. Ein Stirnrunzeln. Dieses kaum sichtbare Zusammenziehen der Augen, wenn man an sich selbst etwas entdeckt, das einem nicht gefällt. Oder gefällt. Irgendein Zeichen dafür, dass zwischen der Frau und ihrem Spiegelbild gerade etwas geschieht.

Nichts.

Es ist ein seltsamer Anblick. Ein Gesicht, das ich kenne, obwohl ich diese Frau nicht kenne. Wahrscheinlich kenne ich dieses Gesicht besser als die Gesichter mancher Menschen, mit denen ich schon gegessen habe. Ich habe es lachen sehen, weinen, zweifeln, lieben, genervt sein. Ich weiß, wie Jennifer Aniston aussieht, wenn sie verlassen wird.

Zumindest glaube ich das.

Jetzt steht sie vor sich selbst und ich kann nichts lesen.

Nicht einmal, ob ihr gefällt, was sie sieht.

Sie schaut lange.

So lange, dass ich anfange, in ihrem Gesicht nach dem Gedanken zu suchen.

Ich finde keinen.

Und irgendwann merke ich, dass genau das mich beunruhigt.

Ich weiß bis heute nicht, was sie dort sieht. Ich weiß nur, dass ich neben einem Menschen sitze, dessen Gesicht Millionen Menschen kennen, während sie selbst gerade einfach nur dieses Gesicht betrachtet.

Keine berühmte Schauspielerin, die gerade besonders berühmte Dinge tut. Ein Mensch sitzt vor einem Spiegel und schaut. Mehr nicht.

Das auszuhalten ist schwieriger, als man glaubt. Vor allem für eine Produzentin. Produzentinnen sind beruflich dafür zuständig, dass etwas passiert. Fünf Minuten, in denen nichts passiert, gelten normalerweise als technische Störung.

Kurz vor der Show kommt Thomas Gottschalk zu ihr.

Er hat damals einen Standardsatz für internationale Gäste.

Sinngemäß sagt er:

„Guten Tag. Sie kennen mich nicht. Mein Name ist Thomas Gottschalk, ich bin der Moderator dieser Show. Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Abend. Und wenn ich mir etwas wünschen darf, dann dies: Wenn wir uns irgendwann irgendwo wiederbegegnen, würde ich mich freuen, wenn Sie mich erkennen. Mein Name ist Thomas Gottschalk.“

Ich mag diesen Moment im Rückblick sehr. Da sitzen zwei der bekanntesten Menschen ihrer jeweiligen Fernsehwelt in einer Garderobe, und plötzlich geht es um etwas sehr Einfaches.

Erkennst du mich?

Weißt du, wer ich bin?

Werde ich für dich noch existieren, wenn dieser Abend vorbei ist?

Ich sitze immer noch bei Jennifer Aniston. Sie schaut weiter in den Spiegel. Irgendwann halte ich das Schweigen nicht mehr aus. Ich stehe auf und frage, ob sie noch etwas braucht. Ob ich etwas für sie tun kann. Ob es für die Show noch etwas zu besprechen gibt. Sie schaut mich im Spiegel an.

„Danke.“

Ich sage ebenfalls:

„Danke.“

Und gehe.

Ich denke noch lange an diese Minuten. An einen Moderator, der darum bittet, erinnert zu werden. An eine Schauspielerin, die schweigend ihr eigenes Gesicht betrachtet. Und an mich, die offenbar sofort etwas tun muss, sobald ein Mensch einfach nur da ist.

Wir stellen die Frage „Wer bin ich?“ viel häufiger, als wir glauben.

Wir verkleiden sie nur besser.

Als Beruf.

Als Erfolg.

Als Bekanntheit.

Als Funktion.

Als Bitte, erkannt zu werden.

Wir sind darauf erstaunlich schlecht vorbereitet, einfach nur zu sein.

Schon Kindern stellen wir ziemlich früh die Frage: Was willst du einmal werden? Als wären sie im Augenblick noch nichts. Später fragen wir: Was machst du? Und meinen damit: Wer bist du?

Es ist eine praktische Abkürzung. Nur wird sie irgendwann gefährlich. Denn Dinge verschwinden.

Berufe.

Aufgaben.

Funktionen.

Gesundheit.

Erfolg.

Menschen, für die wir gesorgt haben.

Plötzlich kann jemand nicht mehr arbeiten.

Nicht mehr pflegen.

Nicht mehr auftreten.

Nicht mehr organisieren.

Nicht mehr erinnern, was gestern war.

Und dann wird aus einer scheinbar philosophischen Frage eine sehr konkrete:

Wer bin ich noch? Genau darin liegt eine der großen Zumutungen des Menschseins:

Dass unser Wert bleiben muss, wenn unsere Funktion verschwindet.

Ein Mensch ist mehr als das, was er für andere erledigt.

Mehr als seine Produktivität.

Mehr als seine Rolle.

Mehr als sein Nutzen.

Das klingt selbstverständlich.

Unser Alltag verhält sich allerdings häufig anders.

Wir bewundern Menschen für das, was sie können.

Wir bezahlen sie für das, was sie leisten.

Wir laden sie ein, weil sie interessant sind.

Wir brauchen sie, weil sie etwas tun.

Und dann gibt es diese gefährliche kleine Lücke: Was ist mit einem Menschen, der gerade nichts kann? Was ist mit einem Menschen, der nur da ist? Genau deshalb bleibt mir diese Garderobe im Kopf.

Nicht wegen Jennifer Aniston. Noch weniger wegen Thomas Gottschalk. Sondern wegen dieser merkwürdigen Verdichtung.

Der eine sagt: Bitte erinnere dich an mich. Die andere schaut in den Spiegel. Und ich sitze daneben und suche bereits nach einer Aufgabe.

Drei verschiedene Arten, mit derselben Frage umzugehen.

Bin ich da?

Bin ich gemeint?

Bleibe ich?

Genau deshalb berührt mich gemeinsames Singen so sehr. Auch im Chor tun wir natürlich etwas. Wir singen. Aber für einen Moment fällt die gewöhnliche Hierarchie unserer Tätigkeiten weg. Es interessiert keinen, ob der Mann neben mir gestern einen Konzern geleitet oder Briefmarken verkauft hat. Es interessiert keinen, welchen Titel die Frau in der zweiten Reihe trägt. Da stehen Körper nebeneinander. Sie atmen. Sie öffnen den Mund. Sie versuchen denselben Ton.

Und dann lautet die wichtigste Frage nicht mehr:

Was machst du?

Sondern:

Bist du da?

Ich glaube, wir unterschätzen, wie radikal diese Frage ist. Denn „Bist du da?“ fragt nicht nach Leistung. Nicht nach Status. Nicht nach Nutzen. Nur nach Anwesenheit.

Nach Gegenwart.

Nach einem Menschen.

Und trotzdem reicht mir das noch nicht ganz. Denn nur da zu sein ist das eine. Zu spüren, dass das eigene Dasein für andere einen Unterschied macht, ist etwas anderes.

Davon werde ich noch erzählen, und vielleicht auch von meiner Begegnung mit Nicole Kidman.

04
18. August 2025
One Voice
Tag 4

Your Song ist deins. One Voice sind alle.

Ich funktioniere über Bilder und Musik.

Deshalb beginne ich mit einem Song.

Das ist keine besonders strukturierte Vorgehensweise. Menschen, die Unternehmen gründen, machen vermutlich zuerst Dinge mit Kästchen. Zielgruppen. Prozesse. Zuständigkeiten. Vielleicht sogar Tabellen.

Ich suche einen Song und stelle mir dazu ein Logo vor.

Beides hilft mir, den Weg in mein eigenes System zu organisieren.

Mein Lied ist „Your Song“.

Ich sitze im Flugzeug nach Cannes zu einer TV-Messe und höre mich durch sämtliche Versionen, die das weltweite Netz hergibt. Das Original von Elton John bleibt unübertroffen.

Danach gefallen mir Al Jarreau und Marla Glen besonders gut.

Ich höre dieselben Worte in verschiedenen Stimmen und frage mich irgendwann, ob das überhaupt passt.

„Your Song“.

Ist das nicht viel zu persönlich?

Zu privat?

Zu sehr eine einzelne Person, die einer anderen Person etwas gibt? Genau das Gegenteil von dem, was One Voice werden soll? Sollte One Voice vielleicht „Your Song“ heißen? Oder gerade auf keinen Fall? Ich denke eine Weile darüber nach, bis ich merke, dass Denken hier nicht weiterhilft.

Also höre ich auf. Und fühle. Das Your-Song-Gefühl ist schön.

Aber es ist intensiv.

Es ist Sehnsucht.

Es ist dieses sehr dichte Ziehen, das entsteht, wenn ein Mensch für einen anderen plötzlich wichtiger wird, als vernünftig wäre.

Das ist nicht das Gefühl, das ich für One Voice suche.

One Voice soll nicht die große Sehnsucht nach einem einzelnen Menschen sein.

Es soll dieses andere Gefühl sein.

Wenn Menschen sich ehrlich freuen, einander zu sehen.

Wenn sie offen werden.

Wenn niemand wichtiger sein muss als der andere.

Wenn aus einzelnen Stimmen für einen Moment etwas Gemeinsames entsteht, ohne dass jemand darin verschwindet.

Das Flugzeug gleitet durch die Wolken. Ich nutze solche Momente oft für mich und meine Verbindung zu mir. Oben sein. Nicht mit der Erde verbunden.

Für eine Weile gibt es keine Straße, keinen Schreibtisch, keine Aufgabe, die einen körperlich irgendwo festhält.

Nur diesen merkwürdigen Zustand zwischen zwei Orten.

Es gibt kaum eine einfachere Möglichkeit, die Intensität der eigenen Wahrnehmung zu spüren, als wenn unter einem plötzlich ein paar Kilometer Luft liegen.

Wäre ich reich, würde ich Meditationscamps auf Langstreckenflügen anbieten. Business Class natürlich. Man muss dem Irrsinn schließlich eine wirtschaftliche Perspektive geben. Aber ich bin nicht reich.

Und außerdem widerspricht mir die Vorstellung schon beim Denken.

Denn das, was ich mit One Voice suche, ist das Gegenteil davon. Keine exklusive Flughöhe. Keine Menschen, die weiter oben sitzen als andere. Ich glaube an Atmosphäre. An gemeinsam verbrachte Zeit.

An diese wenigen Momente, in denen Status erstaunlich schnell unwichtig wird, sobald Menschen sich wirklich begegnen. Wir sind nicht alle gleich. Aber wir können uns für einen Moment gleichwertig begegnen. Genau das ist Gemeinschaft. Nicht höher und weiter fliegen. Sondern irgendwann wieder landen.

Ich frage meine Freundin, die neben mir schläft, während ich durch meine Welten fliege.

„One Voice oder Your Song?“

Sie antwortet sofort: „One Voice natürlich. Your Song ist deins. One Voice sind alle.“

Ach ja. Klar. So einfach ist das.

Ich hätte sie eigentlich schon vor dem Start fragen können.

Dann wäre mir allerdings die Reise durch zwanzig Versionen eines Songs entgangen. Und die war schön.

Man muss offenbar nicht jede Schleife vermeiden, nur weil am Ende jemand anderes den geraden Satz dafür kennt.

Das Flugzeug setzt auf. Ich bin erfrischt. Und entschieden.

One Voice.

Also weiter.

05
18. August 2025
One Voice
Tag 5

Mensch Jürgen

Mich interessieren beruflich nicht besonders perfekte Menschen.

Menschen, die alles im Griff haben, sind angenehm. Sie kommen pünktlich, kennen ihre Sätze, funktionieren unter Druck und stellen Wasserflaschen nach Gebrauch wieder ungefähr an den Ort zurück, an dem sie standen. Für Produktionen sind solche Menschen ein Geschenk. Für Geschichten eher nicht.

Mich interessiert der Moment, in dem etwas kippt.

Ein Plan.

Eine Beziehung.

Ein Team.

Eine Stimmung.

Und dann die Frage:

Was machen Menschen miteinander, wenn es ernst wird?

Ich produziere den 70. Geburtstag von Jürgen von der Lippe.

Siebzig.

Bei einem Komiker ist das ein schwieriges Alter für eine Fernsehsendung.

Man soll feiern.

Man soll zurückblicken.

Man soll rühren.

Aber bitte nicht zu lange, weil anschließend wieder jemand lustig sein muss.

Es gibt Freunde.

Kollegen.

Weggefährten.

Sehr unterschiedliche Künstler.

Menschen mit gemeinsamen Geschichten.

Menschen mit eigenen Geschichten.

Menschen, die Jürgen seit Jahrzehnten kennen.

Menschen, die für diesen Abend etwas vorbereitet haben.

Menschen, die selbst gewohnt sind, Mittelpunkt zu sein.

Das Ganze soll groß werden.

Warm.

Witzig.

Ein würdiger Geburtstag.

Schon „würdig“ und „witzig“ gleichzeitig hinzubekommen ist eine Aufgabe, an der Familienfeiern seit Jahrhunderten scheitern.

Dazu kommt etwas anderes.

Innerhalb der Firma stimmt etwas nicht.

Vertrauen und Misstrauen liegen erstaunlich dicht nebeneinander.

Es gibt alte Verbindungen.

Loyalitäten.

Ängste.

Dinge, die ausgesprochen werden.

Und mehr Dinge, die nicht ausgesprochen werden.

Man beobachtet einander.

Man spricht miteinander und gleichzeitig übereinander.

Information wird zu Macht.

Nähe zu Verdacht.

Manchmal fühlt es sich weniger nach Fernsehproduktion als nach einem sehr schlecht ausgestatteten Geheimdienst an.

Ich sitze mittendrin.

Und muss es aushalten.

Denn die Sendung muss trotzdem entstehen.

Das ist eine der merkwürdigen Fähigkeiten, die man als Produzentin entwickelt:

Man kann gleichzeitig wissen, dass etwas fundamental nicht stimmt, und fragen, ob der nächste Einspieler jetzt bitte fertig ist.

Professionalisierung nennt man das. Oder Verdrängung mit Ablaufplan.

Dann beginnt die Aufzeichnung. Und sie ist schwierig. Nicht katastrophal. Katastrophen sind im Fernsehen leichter. Dann weiß wenigstens jeder, dass etwas schiefläuft. Schwieriger sind Sendungen, bei denen fast alles funktioniert und trotzdem kein gemeinsamer Atem entsteht.

Ein Gast kommt gut. Der nächste auch. Eine Geschichte funktioniert. Dann wieder nicht. Ein Moment ist sehr emotional. Der nächste versucht, genau diese Emotion mit einem Witz aufzufangen und landet irgendwo zwischen Pointe und Notausgang.

Von außen kann das aussehen wie ein Misserfolg. Wer lange Fernsehen macht, kennt allerdings ein unangenehmes Gesetz: Je schwieriger sich eine Sendung während der Produktion anfühlt, desto besser kann später ihre Quote sein. Manchmal stimmt das. Manchmal redet man es sich nur ein, damit man nachts schlafen kann.

An diesem Abend hilft mir beides nicht. Ich sitze da und spüre: Diese Sendung hält nicht richtig zusammen.

Und dann passiert etwas, das in keinem Ablauf steht. Eine Künstlerin, die wir eingeladen haben, beginnt die Sendung zusammenzuhalten. Sie ist nicht die Moderatorin. Sie ist nicht verantwortlich. Sie hat keinen Auftrag dazu. Sie ist eine von vielen Gästen. Sie könnte ihren Auftritt machen, freundlich sein, lachen, sich verabschieden und nach Hause fahren.

Vollkommen korrekt. Niemand könnte ihr etwas vorwerfen. Aber sie tut etwas anderes. Sie merkt, was in diesem Raum fehlt.

Das ist schwer zu beschreiben, weil es nicht wie Führung aussieht. Sie übernimmt nicht. Sie drängt sich nicht nach vorne. Sie korrigiert niemanden. Sie zieht das Ruder nicht an sich.

Sie setzt kleine Dinge. Einen Satz. Einen Blick. Eine Reaktion. Eine Pointe genau dort, wo vorher etwas zu schwer geworden ist. Dann wieder lässt sie einen Moment stehen. Sie macht nicht jeden Schmerz sofort lustig. Sie macht aber auch aus keinem Schmerz ein Denkmal. Sie findet eine Linie. Humor. Nicht als Flucht. Als Verbindung.

Ich spüre das schon während der Aufzeichnung. Da ist plötzlich jemand, der den Raum liest. Nicht nur den eigenen Auftritt. Den Raum. Das ist etwas anderes.

Später im Schnitt sehe ich es noch deutlicher. Fernsehen lässt sich im Schnitt gnadenlos sezieren. Man sieht, wer einen Moment geöffnet hat. Wer ihn geschlossen hat. Wer nur auf den eigenen Einsatz wartet. Wer zuhört. Wer merkt, dass ein anderer gerade fällt. Und wer ihm hilft, ohne daraus eine Szene zu machen.

Diese Künstlerin zieht sich durch die Sendung wie ein unsichtbarer Faden. Nicht weil sie am meisten spricht. Sondern weil sie immer wieder etwas verbindet, das auseinanderzufallen droht.

Am Ende trägt genau diese Linie wesentlich dazu bei, dass die Sendung funktioniert. Mich beschäftigt das. Bis heute.

Wieso macht ein Mensch so etwas? Warum übernimmt jemand Verantwortung für eine Sache, die gar nicht seine Verantwortung ist? Sie hätte sich elegant heraushalten können. Das können Menschen sehr gut. Wir haben dafür wunderbare Sätze. Nicht meine Aufgabe. Dafür bin ich nicht zuständig. Das war so nicht abgesprochen. Ich möchte mich da nicht einmischen. In dieser Sendung habe ich sogar den Satz gehört: Dafür möchte ich aber extra bezahlt werden.

Nicht alles vollkommen vernünftig. Und oft vollkommen tödlich für Gemeinschaft.

Sie tut das Gegenteil. Sie merkt: Hier fehlt etwas. Und statt festzustellen, dass es fehlt, gibt sie es. Das fasziniert mich.

Denn darin steckt eine Form von Führung, über die viel zu wenig gesprochen wird. Führung ohne Amt. Ohne Ansage. Ohne Macht.

Jemand sieht eine fragile Situation und übernimmt für einen Moment Verantwortung dafür, dass sie nicht zerbricht. Einfach genau so weit, wie es gerade nötig ist.

Ich glaube, solche Menschen suche ich beruflich immer wieder. Menschen, die in einem schwierigen Moment nicht zuerst fragen: Wie komme ich hier gut raus? Sondern: Was braucht dieser Raum jetzt? Später habe ich die Künstlerin auf diesen Tag angesprochen und gefragt, warum sie das gemacht hat. Sie konnte sich an die Sendung nicht erinnern.

Ich habe so viele unterschiedliche Menschen vor der Kamera gesehen und kann mich sehr gut an die verschiedenen Situationen erinnern. Man kann sehr freundlich sein und trotzdem nur sich selbst im Blick haben. Man kann kantig, anstrengend und unbequem sein und in einem entscheidenden Moment etwas für andere tragen. Mich interessiert diese zweite Sorte. Weil ich selbst sehr früh gelernt habe, Räume zu beobachten. Wer ist angespannt? Wer zieht sich zurück? Wer wird laut? Was kippt? Was wird nicht gesagt?

Lange halte ich das für eine berufliche Fähigkeit. Produzentinnen müssen Stimmungen lesen. Das stimmt auch. Nur ist es vermutlich älter. Menschen, die Unsicherheit kennen, werden häufig gute Beobachter. Nicht automatisch gute Menschen. Das wäre zu schön. Aber gute Beobachter. Man merkt früh, wenn sich etwas verändert. Eine Stimme. Ein Blick. Eine Tür. Manchmal hilft einem diese Fähigkeit später im Beruf. Manchmal macht sie einen wahnsinnig. Meistens beides.

Ich denke an diesen Geburtstag, während ich über One Voice nachdenke. Denn eine App kann vieles organisieren. Wer. Wo. Wann. Wie weit entfernt. Welche Stimme wird gesucht. Wo findet eine Probe statt. Das ist Technik.

Aber das Interessante beginnt danach.

Ein Mensch kommt in einen Raum. Das lässt sich nicht programmieren. Man kann Begegnung ermöglichen. Gemeinschaft müssen Menschen selbst herstellen. Und dafür braucht es nicht immer große Gesten. Oft reicht jemand, der einen Raum wahrnimmt.

Hier fällt etwas auseinander.

Hier steht jemand draußen.

Hier fehlt ein Satz.

Hier braucht es Humor.

Ich schreibe heute wieder etwas auf.

Kein Feature.

Keine Funktion.

Kein Geschäftsmodell.

Nur einen Satz:

Mich interessiert nicht, wie perfekt Menschen sind. Mich interessiert, was sie miteinander machen, wenn es ernst wird.

Das ist für eine App zunächst wenig hilfreich.

Für die Frage, warum ich sie überhaupt bauen will, allerdings ziemlich genau.

06
19. August 2025
One Voice
Tag 6

Der Gefangenenchor

Ich habe eine Schwäche für Räume, in die man nicht einfach hineinspaziert. Das ist keine besonders sympathische Eigenschaft. Es gibt Menschen, die sehen eine verschlossene Tür und denken: geschlossen. Ich denke: warum?

Vor vielen Jahren arbeite ich als Bühnenbildnerin an Verdis Nabucco.

Regie führt Hans Kresnik.

Kresnik kann einen Raum betreten und innerhalb weniger Minuten dafür sorgen, dass alle anderen plötzlich aussehen, als hätten sie ihre eigene Meinung nur geliehen. Er war radikal, anstrengend, komisch, klug, manchmal unerträglich. Vor allem war ihm jede Form von Dekoration verdächtig, sofern sie sich nicht gleichzeitig als Angriff verwenden lässt.

Der Gefangenenchor sitzt bei uns im Hofbräuhaus.

München. Bierbänke. Männerkörper. Deutsches Gemüt mit Opernauftrag.

Ich mache die Videoinstallationen.

Eine Solistin soll eine Projektion auf ihr Kleid bekommen. Sie weigert sich. Es gibt Gespräche, die schnell keine Gespräche mehr sind. Menschen, die sonst von Kunstfreiheit sprechen, entdecken plötzlich präzise Grenzen.

Am Tag vor der Premiere werden wir suspendiert. Das Wort klingt sauberer, als die Sache ist. Wir fliegen raus. Ausgerechnet aus Nabucco. Ausgerechnet beim Gefangenenchor.

Ich könnte behaupten, ich hätte die Ironie damals sofort verstanden. Habe ich nicht. Ich bin wütend. Wut ist praktisch. Sie gibt einem das Gefühl, noch Handlungsmöglichkeiten zu haben. Also stelle ich mich vor das Saarländische Staatstheater und filme den Himmel. Einfach den Himmel. Ich nehme das Material mit, schneide es auf Band und gehe zur Premiere, obwohl ich dort offiziell nichts mehr zu suchen habe.

Kurz vor Beginn tausche ich heimlich die Kassette aus. Dann erscheint über dem Hofbräuhaus der Himmel des Theaters. Für das Publikum ist es vermutlich ein Bild. Für mich ist es eine Beschimpfung. Wenn dieses Haus unsere Arbeit für so unerträglich hält, soll es sich wenigstens einen Abend lang ansehen, wie wenig es vom Hofbräuhaus trennt.

Ich finde mich damals ziemlich mutig. Das gehört zu den Irrtümern, die lange gut aussehen. Ich habe mich oft für rebellisch gehalten. Unabhängig. Schwer zu beeindrucken. Eine, die sich nicht verbiegt. Heute fällt mir auf, dass ich auffällig häufig vor Türen stand, die ich vorher selbst mit großer Entschlossenheit zugeschlagen hatte. Das Problem an meiner Unabhängigkeit war nur, dass ich sehr gern dazugehört hätte. Ich wusste bloß nicht, wie das geht. Also war ich schneller.

Das sieht von außen nach Haltung aus. Von innen kann es ganz anders aussehen.

Jahre später bin ich Fernsehproduzentin und stoße auf einen echten Gefangenenchor. Keine Kulisse diesmal. Keine Bierbänke. Keine Solistin. Ein Gefängnis.

Ich will darüber einen Film machen. Mich interessiert dieser Moment: Menschen, deren Tage bis ins Kleinste geregelt sind, stehen zusammen und erzeugen etwas, das nur funktioniert, wenn sie sich gegenseitig hören. Ich will da rein. Natürlich.

Ich komme nicht rein.

Das hätte mich warnen können.

Hat es nicht.

Irgendwann hat eine verschlossene Tür ja auch etwas Persönliches.

Der Chorleiter, mit dem ich Kontakt habe, ist ein eigenwilliger Mann. Jahre später, während der Pandemie, wird er seine Chorproben als Demonstrationen anmelden, damit seine Leute draußen weiter gemeinsam singen können.

Ich finde das bis heute großartig.

Nicht wegen des Tricks.

Wegen des Gedankens dahinter.

Singen als Versammlung.

Eine Stimme als öffentliches Recht.

Menschen stehen auf einem Platz und sagen mit ihrem Körper: Wir gehören zusammen, obwohl wir nicht dasselbe sind.

Das ist ziemlich nah an Politik.

Und noch näher am Chor.

Im Gefängnis bekommt das Ganze eine andere Schärfe.

Dort sitzt jemand nicht nur neben einem anderen Menschen.

Er sitzt dort, weil etwas geschehen ist.

Eine Tat. Ein Urteil. Eine Geschichte, die sich irgendwann über den ganzen Menschen legt wie eine schlecht sitzende Uniform.

Und dann soll genau dieser Mensch auf einmal hören, wann der andere atmet.

Er soll seinen Einsatz abwarten.

Er soll den eigenen Ton halten, ohne den Rest zu überfahren.

Im Grunde verlangt ein Chor ziemlich viel Sozialverhalten für eine Freizeitbeschäftigung.

Vor allem verlangt er Anwesenheit.

Wer fehlt, fehlt tatsächlich.

Nicht moralisch.

Akustisch.

Das gefällt mir.

Der Chor macht aus einem Menschen nicht automatisch einen besseren Menschen. Das wäre mir auch zu billig. Aber er macht aus einer Akte wieder einen Körper. Da steht jemand. Mit Brustkorb. Mit Atem. Mit einer Stimme, die zu früh kommen kann oder zu spät oder genau richtig. Das ist mehr, als eine Akte kann.

Ich denke lange über solche Räume nach. Räume, in denen Menschen eingeschlossen sind. Räume, aus denen man herauswill. Räume, in die man nicht hineinkommt.

Ich kenne das Gefühl, dass eine Tür zugeht. Ich kenne Dunkelheit. Ich kenne Zählen. Das reicht für heute.

Später gründe ich einen Chor für Menschen mit Demenz. Damals bringe ich diese Dinge noch nicht miteinander in Verbindung.

Warum sollte ich auch. Ein Gefängnis ist ein Gefängnis. Demenz ist eine Krankheit. Eine Oper ist eine Oper. Das Leben ist ordentlich, solange man seine Erfahrungen getrennt voneinander in Schubladen legt.

Nur halten sich Erfahrungen selten daran.

Im Demenzchor sitzt eines Tages ein Mann, der während des Gesprächs nach Wörtern sucht. Seine Frau hilft ihm. Sie kennt das. Sie wartet kurz, übernimmt dann den Satz und legt ihm das Ende hin.

Später singen wir. Er kennt das Lied. Nicht nur die erste Zeile. Das ganze Lied.

Seine Frau kommt an einer Stelle nicht weiter. Er schon. Für ein paar Sekunden verändert sich die Statik zwischen den beiden.

Kein Wunder. Keine Heilung. Kein rührender Fernsehmoment mit Musik darunter. Nur ein Mann, der die nächste Zeile weiß. Ich sehe seine Frau zu ihm hinüberschauen. Und merke mir diesen Blick. Solche Blicke interessieren mich.

Die Rollen verrutschen.

Ein Mensch kann sehr vieles verlieren. Seinen Beruf. Seine Sicherheit. Seinen Ruf. Sein Gedächtnis. Seinen Platz in einer Gesellschaft. Und trotzdem gibt es Situationen, in denen er nicht zuerst das ist, was ihm fehlt. Sondern das, was er beiträgt.

Ich glaube, deshalb lassen mich Chöre nicht in Ruhe.

Aus Menschen, die nebeneinander stehen, wird für ein paar Minuten etwas, das keiner allein herstellen kann.

Wenn ich heute an One Voice arbeite, denke ich an diese Räume.

An den Hofbräuhaus-Himmel.

An das Gefängnis, in das ich nicht hineinkam.

An den Mann, der die nächste Zeile wusste.

Morgen reden wir über Demokratie.

07
26. August 2026
One Voice
Tag 7

Die Russen kommen

Wir stehen mit einem Reisebus auf einer gesperrten Autobahn.

Vor uns gelbes Blinklicht. Hinter uns Autos. Dazwischen wir.

Ein Stück weiter hat es einen schweren Unfall gegeben. Die Polizei hat die Straße gesperrt. Niemand weiß, wie lange es dauert.

Im Bus sitzt ein Chor für Menschen mit Demenz, den ich an diesem Tag begleite.

Draußen blinkt es gelb.

Drinnen wird es unruhig.

Ein Mann richtet sich auf.

„Die Russen kommen!“

Er sagt das nicht als Witz.

Ich schaue aus dem Fenster. Straßenmeisterei. Polizei. Warnleuchten.

„Nein“, sage ich. „Das sind die Alliierten.“

Er schaut mich an.

„Die holen uns hier raus.“

Er schaut wieder zum gelben Licht.

Das reicht ihm.

Vorerst.

Wir warten.

Und während wir warten, denke ich an den Deutschen Fernsehpreis.

Die Nominierungen sind bekannt gegeben worden. Ich lese Namen, Produktionen, Schauspielerinnen, Schauspieler und denke: Es ist mir egal, wer gewinnt.

Die Menschen sind mir nicht egal. Im Gegenteil.

Ich kenne diese Branche seit drei Jahrzehnten. Ich weiß, was einzelne Menschen leisten können.

Ein Schauspieler kann einen Film tragen.

Eine Regisseurin kann eine Idee gegen Widerstände durchsetzen.

Eine Autorin kann etwas sehen, das vorher niemand gesehen hat.

Eine Produzentin kann fünf Jahre lang dafür sorgen, dass aus einer Idee überhaupt Wirklichkeit wird.

Es gibt Menschen, ohne die bestimmte Werke nie entstanden wären.

Man muss das nicht kleinreden, um den Starkult zu kritisieren.

Im Gegenteil.

Der Fehler beginnt erst dort, wo aus besonderer Leistung eine falsche Erzählung wird.

Die Erzählung vom Einzelnen, der alles geschaffen hat.

Ich kenne Sätze wie:

„Die sind dieses Jahr Ausrichter. Die brauchen noch einen Preis.“

„Hauptsache erwähnen. Das muss reichen.“

Oder:

„Da dürfen wir aber nichts aus der Sendung zeigen. Sonst versteht keiner, warum wir denen keinen Preis gegeben haben.“

Und diesen:

„Die zieht doch nicht mehr.“

Ein Satz wie aus der Warenwirtschaft.

Vier Worte, und aus einer Künstlerin wird ein Produkt mit nachlassender Nachfrage.

Das ist das Beängstigende am Starkult.

Er erhöht Menschen und macht genau diese Erhöhung zu ihrem Risiko.

Wer sichtbar gemacht wird, kann außergewöhnliche Anerkennung erfahren.

Wer nur noch über Sichtbarkeit definiert wird, ist davon abhängig.

Draußen blinkt es.

„Die Russen kommen!“

„Alliierte.“

„Ach so.“

Wir haben inzwischen ein System.

Auch der Star ist ein System.

Ein Gesicht, auf das wir eine komplexe Leistung projizieren.

Das hat sogar einen Sinn.

Ein Gesicht ist leichter zu erzählen als hundert Namen.

Eine Vision braucht oft einen Menschen, der sie vertritt.

Ein Film braucht Entscheidungen.

Ein Dreh braucht Führung.

Eine Idee braucht jemanden, der sagt: Dort entlang.

Gemeinschaft allein schafft noch nichts.

Sie kann tragen.

Sie kann aber auch bremsen, verwalten, zerreden.

Etwas Neues beginnt oft bei einem Einzelnen.

Eine sieht etwas.

Einer will etwas.

Eine riskiert etwas.

Einer bleibt hartnäckig, obwohl andere längst aufgehört hätten.

Aber selbst der entschlossenste Einzelne arbeitet nie im luftleeren Raum.

Eine Schauspielerin kann eine außergewöhnliche Szene spielen.

Jemand hat sie geschrieben.

Jemand hat sie besetzt.

Jemand hat das Licht gesetzt.

Jemand hat einen Raum gebaut.

Jemand hat den Ton aufgenommen.

Jemand hat im Schnitt entschieden, wie lange ihr Blick stehen bleibt.

Jemand hat die Produktion so organisiert, dass dieser eine Moment überhaupt stattfinden konnte.

Das schmälert ihre Leistung nicht.

Es macht sie erst vollständig sichtbar.

Das ist der Punkt.

Nicht: Alle sind gleich wichtig.

Das sind sie nicht in jedem Moment.

Nicht: Jeder trägt dasselbe.

Auch das stimmt nicht.

Sondern:

Bedeutung verteilt sich unterschiedlich, ohne dass daraus eine Rangordnung des menschlichen Werts entstehen muss.

Eine kann führen.

Einer kann glänzen.

Eine kann der entscheidende Mensch für ein Werk sein.

Und trotzdem bleibt sichtbar, dass auch große individuelle Leistung Bedingungen braucht.

Vertrauen.
Widerspruch.
Handwerk.
Zeit.
Geld.
Geduld.
Menschen.

Ein Mensch. Ein Preis. Eine Leistung.

So erzählen wir Erfolg.

Mich ermüdet diese Geschichte.

Ich würde den Fernsehpreis deshalb nicht abschaffen.

Ich würde ihn umbauen.

Radikal.

Es gäbe weiterhin Kategorien.

Publikumserfolg.
Wirtschaftlicher Erfolg.
Innovation.
Erzählerisches Risiko.
Handwerkliche Exzellenz.
Tradition.
Gesellschaftliche Wirkung.

Und eine Kategorie für Produktionen, die mit wenig Mitteln etwas geschaffen haben, das größer wirkt als ihr Budget.

In jeder Kategorie werden drei Werke nominiert.

Und alle drei Teams kommen.

Alle.

Die Bühne soll voll werden.

Schauspiel. Regie. Buch. Produktion. Kamera. Ton. Schnitt. Ausstattung. Kostüm. Maske. Aufnahmeleitung. Produktionsassistenz.

Menschen, deren Namen wir kennen. Und Menschen, deren Namen wir nie erfahren.

Jedes Team wählt vorher eine Person aus den eigenen Reihen.

Nicht automatisch den Star.

Nicht demonstrativ den Unsichtbarsten.

Den Menschen, von dem das Team sagt:

Du hast diesem Werk etwas gegeben, das für uns entscheidend war.

Das kann die Hauptdarstellerin sein.

Natürlich.

Es kann die Autorin sein. Der Regisseur. Die Produzentin. Jemand aus der Maske. Der Editor. Eine Produktionsassistentin.

Die Wahl bedeutet nicht:

Du bist mehr wert als wir.

Sie bedeutet:

Du hast für dieses Werk etwas Besonderes geleistet.

Erzähl du heute davon.

Und dieser Mensch bekommt Zeit.

Er muss nichts beweisen.

Er erzählt, was dieses Werk für das Team besonders gemacht hat.

Er kann eine Szene zeigen.

Einen Film mitbringen.

Er kann erklären, woran sie fast gescheitert wären.

Er kann das ganze Team auf die Bühne holen.

Er kann seine Zeit weitergeben.

Er kann sagen:

Die entscheidende Person für diesen Film steht heute zwei Reihen hinter mir.

Das Publikum entscheidet anschließend über das Werk.

Nicht über die schönste Rede.

Nicht über den bekanntesten Namen.

Nicht über die beste Selbstvermarktung.

Über den Film.

Drei Werke.

Drei Teams.

Drei unterschiedliche Geschichten darüber, wie etwas entstanden ist.

Und erst dann fällt die Entscheidung durch das Publikum.

Natürlich gäbe es weiterhin eine Jury.

Schon aus Tradition.

Sie bekommt ihren eigenen Preis.

Den darf sie selbst vergeben.

Keine Kriterien.

Keine Transparenz.

Keine Ausreden.

Ein bisschen Tradition muss bleiben.

Im Bus ist inzwischen nichts theoretisch.

Einer versteht die Situation anders als ich.

Ein anderer braucht Hilfe.

Jemand wird unruhig.

Jemand beruhigt ihn.

Draußen arbeiten Menschen daran, nach einem schweren Unfall eine Straße wieder freizugeben.

Wir kennen ihre Namen nicht.

Und auch hier ist keiner gleich wichtig in jedem Moment.

Einer trifft eine Entscheidung.

Einer übernimmt Verantwortung.

Einer beruhigt.

Einer singt.

Einer wartet.

Einer hält eine Situation aus.

Das ist keine romantische Gemeinschaft.

Es ist etwas Nüchterneres.

Menschen sind aufeinander angewiesen.

Und trotzdem braucht es Einzelne, die handeln.

Das eine hebt das andere nicht auf.

Genau darin liegt die Spannung.

Wir erzählen uns gern Geschichten vom starken Einzelnen.

Mein Erfolg.
Meine Karriere.
Meine Idee.
Meine Leistung.
Mein Name.

Und wir erzählen uns genauso gern Geschichten von Gemeinschaft, als würde allein das Zusammensein schon etwas hervorbringen.

Beides ist zu einfach.

Die Wahrheit liegt dazwischen.

Es braucht den Menschen, der sagt: Dort entlang. Und die Menschen, ohne die dort niemand ankommt.

Der Mann hinter mir sieht wieder das gelbe Licht.

„Die Russen kommen!“

Ich drehe mich um.

„Das sind die Alliierten.“

Er nickt.

Und auf einmal erscheint mir dieser Mann überhaupt nicht verwirrt.

Er sieht eine bedrohliche Situation und sucht nach einer Geschichte, mit der er sie verstehen kann.

Das tun wir alle.

Wir erzählen Geschichten, damit eine unübersichtliche Welt eine Ordnung bekommt.

Das Fernsehen tut das beruflich.

Und eine seiner ältesten Geschichten lautet:

Da vorne steht der Star.
Schaut ihn euch an.
Er hat gewonnen.

Es ist eine einfache Geschichte.

Sie ist nur nicht vollständig.

Denn manchmal steht da vorne tatsächlich der Mensch, ohne den dieses Werk nie entstanden wäre.

Dann soll er dort stehen.

Dann soll er gefeiert werden.

Aber nicht als Beweis dafür, dass die anderen weniger zählen.

Sondern als Teil einer größeren Wahrheit.

Da vorne steht einer.
Hinter ihm stehen viele.
Einer hat etwas gesehen.
Viele haben geholfen, dass es Wirklichkeit wird.

Einer hält den Preis.
Und ohne die anderen hätte er nichts in der Hand.

Ich schaue wieder nach draußen.

Es blinkt immer noch.

Gelb.

Die Alliierten sind offenbar hartnäckig.

Und da ist One Voice plötzlich wieder da.

Ich gründe eine Plattform für Gemeinschaft und merke, wie schnell das Wort selbst zur Behauptung wird.

Gemeinschaft ist nicht automatisch gut.

Sie hat keine eigene Moral.

Sie kann einen Menschen tragen und eine Idee verhindern. Sie kann mutig sein und feige. Sie kann jemanden nach vorne schicken und ihn dort allein stehen lassen.

One Voice darf deshalb keine App werden, in der alle gleich sind.

Das sind wir nicht.

Wir können unterschiedlich viel. Wir wollen unterschiedlich viel.

Einer singt vor.
Eine andere hört erst einmal zu.
Einer gründet einen Chor.
Eine organisiert einen Raum.
Einer hat eine Idee, die vorher keiner hatte.
Eine andere erkennt, was aus dieser Idee werden kann.

Entscheidend ist etwas anderes:

Dass Unterschiedlichkeit nicht zur Rangordnung des menschlichen Werts wird.

Dass jemand vorne stehen kann, ohne die anderen kleiner zu machen.

Dass eine Stimme hörbar werden kann, ohne eine andere zum Schweigen zu bringen.

Das ist anspruchsvoller als Gemeinschaft.

Es ist Zusammenspiel.

Und damit habe ich für heute immerhin eine unternehmerische Entscheidung getroffen.

Orange muss unbedingt ins Logo.

Nicht dezent.

Es muss blinken.

Falls die Russen kommen.